Schule für Gestaltung Zürich

News & Stories

Simone Götz: Räume zum Scheitern

War es wirklich Zufall, wie sie sagt, dass Simone Götz Schriftenmalerin geworden ist? Es mag zutreffen, aber dort entdeckte sie die Liebe zur Schrift, zum Handwerk, die Vielfalt der Materialien, den Wert von Sorgfalt und Präzision in der Ausführung. Das ist bis heute geblieben. Auch wenn sie ihren weiteren Werdegang gerne als Abfolge von Zufällen beschreibt, ist ein Muster zu erkennen: Simone Götz nimmt die Bedürfnisse ihres Umfelds wahr, ob es Studierende sind oder Unternehmen. Sie sucht Lösungen, schafft Klarheit, zeigt Prioritäten auf. Sie stellt sich dem technologischen Wandel, begreift ihn als Herausforderung und packt die Chancen, wenn sie sich ergeben. Zum Beispiel damals, als sie die Firma, bei der sie angestellt war, übernehmen konnte und sich in die Selbstständigkeit katapultierte. Elf Jahre war sie Unternehmerin in der Grafischen Industrie. Zufall? So wurde aus der analogen visuellen Handwerkerin die digitale prozessuale Gestalterin. Heute optimiert sie als UX-Designerin für digitale Prozesse von öffentlichen Verwaltungen und Versicherungen. Davor absolvierte sie ein Studium an der OST, ehemals HSR Rapperswil, und schloss mit dem Master in Human Computer Interaction Design ab.

«Je weniger Elemente und je einfacher, desto höher die Chance, dass es funktioniert.» Sie hat gelernt, dass Perfektion harte Arbeit ist. Und fast zwingend muss das A-Wort fallen: A wie Apple. Diese schnörkellose Funktionalität und Ästhetik hat es auch ihr angetan. «Die Preise haben es in sich! Aber es ist einfach gut.»

Räume zum Ausprobieren will Simone Götz Ihren Studierenden öffnen. «Damals, in meiner Ausbildung, durften wir nicht scheitern.» Das möchte sie anders machen; einen Safe Space schaffen, in dem man sich austauschen – und auch scheitern kann. Das sieht so aus:  Studierende mussten innert drei Tagen den Prototyp für eine neue Verpackung entwickeln, präsentieren und draussen vor dem Supermarkt die Menschen darüber befragen. Klar, dass da einiges schief gehen kann, das gehört zur Ausbildung, wenn es um Design-Thinking geht. Aber ein Businessplan muss «verheben», Verbindlichkeit ist ihr wichtig und sie weiss, wo Toleranz Grenzen hat. Sie behandelt ihre Studierenden nicht anders als ihre Kunden. «Es ist ein Miteinander und ein Begleiten.» Seit 2023 leitet sie den Lehrgang HF Medienmanagement an unserer Schule.

Simone Götz hört zu, hält einen Moment inne, antwortet klar und bestimmt. Vielleicht kann ich ihr für ein paar Wochen mein Leben überlassen? Sie wird es ordnen, neu und sinnvoll organisieren und mir in aufgeräumtem Zustand zurückgeben. Wenn es doch nur so einfach wäre.

Text: Herbert Kähli
Foto: Brands&People, Unsplash
Simone Götz auf LinkedIn

Alessandro Di Stefano: Game or play?

Du musst wach sein, wenn du mit Alessandro Di Stefano sprichst, sonst spielt er mit dir wie ein launischer Kater mit einer Maus. Er packt dich an einem Wort, nimmt dich zwischen seine Pranken und frisst dich auf. Aber es ist nur ein Spiel. Und schon sind wir mitten in seinem Thema. Alessandro Di Stefano ist Game-Designer.

Um seine Spielwelt zu verstehen, musst du dich daran erinnern, wie es war, als du unbeschwert im Sandkasten mit anderen Kindern spieltest. Das war Play. Kaum stellte ein Kind Regeln auf, bedeutete dies: Streit, Prügelei, Versöhnung. Das war Game. Game oder Play? Um diese Frage dreht sich vieles, wenn du mit Alessandro Di Stefano sprichst.

Etwas Raubtierhaftes steckt in ihm, kombiniert mit italienischer Eleganz und Stilsicherheit; Nasenring, stilvoll gezähmtes, graumeliertes Haar, man könnte es als Löwenmähne durchgehen lassen. Angesprochen auf seine Art des Unterrichtens, sagt er: «Ich bin böse!» Er sagt es mit Leidenschaft, lachendem Mund und leuchtenden Augen. Seine «Bösartigkeit» bedeutet, dass er viel fordert und die Auseinandersetzung nicht scheut. «Ich gefalle mir ein bisschen im Unkonventionellen. Das ist anstrengend, aber die Studierenden sind mir am Ende dankbar.» Ein Beispiel? Mit Papier, Stift, Schere und Leim lässt er eine aufklappbare Webseite bauen. Da gibts kein Ausweichen auf technischen Schnickschnack am Bildschirm, das ist eben Game, da muss eine Idee bis zum Ende selbstständig durchkonzipiert werden.

Am meisten geprägt hat ihn das Propädeutikum der ZHdK. «Ich weinte vor Freiheit». Danach folgte das Master-Studium in Game-Design an der ZHdK und gleich noch eines an der ZHAW zum Customer Relationship Manager. Stolz ist er auf 40 000 (!) Beratungsgespräche bei Sunrise, die er in seiner Studentenzeit durchgeführt hat. Und darauf, dass Apple später seinen E-Sim-Aktivierungsprozess für den besten Europas hielt. Später, in seiner Lehrerausbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich, reizte ihn die Doppelrolle als Lehrer und Student. Bis heute weiss Alessandro Di Stefano nicht, ob ihm die Freiheit des Alles-machen-Könnens mehr behagt oder ob er lieber innerhalb einer eng begrenzten Fragestellung den raffinierten Twist findet. Das hat vielleicht mit seinem ursprünglichen Beruf zu tun. Alessandro Di Stefano ist gelernter Tiefbauzeichner im Wasserbau, sein Gesellenstück eine Fischtreppe. Noch heute zeichnet er gerne von Hand mit Tusche. Präzision, Handarbeit, raffinierter Twist, du verstehst.

Seit Sommer 2020 ist er Studiengangleiter der HF Interaction Design an unserer Schule. Und wenn du aus seinem Unterricht gehst, bist du ein anderer. Also war es: Play, nicht Game.

Text: Herbert Kähli
Foto: Cheryl Heuberger, Foto Mächler
Alessandro Di Stefano auf LinkedIn

Adem Dërmaku: Kunst ab 16 Uhr

Adem Dërmaku durchlief eine klassische Ausbildung zum bildenden Künstler in Pristina, Kosovo. Fasziniert von der Lithografie, dem alten Handwerk des Steindrucks, führte ihn seine Masterarbeit in die Schweiz, wo er als Kunde im Jahr 2005 zum ersten Mal dem Druckatelier Wolfensberger in Zürich begegnete – für beide Seiten ein Glücksfall. Aus dem Kunden wurde ein Mitarbeiter, der nun schon seit 17 Jahren die drucktechnischen Wünsche einer anspruchsvollen Kundschaft erfüllt, darunter Künstler mit internationalem Renommee. Tagsüber arbeitet Adem Dërmaku für seine Auftraggeber. Ab 16 Uhr widmet er sich seiner eigenen Kunst. Migration, Krieg, Kindheit: dies sind seine grossen Themen. 2021 wurden seine Werke in einer grossen Einzelausstellung in Pristina ausgestellt («It’s not a One-Way thing»). Sie oszillieren zwischen meisterhaft inszenierter Verspieltheit und dräuender Schwere. «Farben sind für mich als bildender Künstler wie Buchstaben für einen Dichter.»

Geduld und Sorgfalt sind die wichtigsten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Kurs bei Adem Dërmaku. Es ist sein Ziel, alle Teilnehmenden von A (wie Adem) bis Z in seine Kunst einzuweihen. Jeder Teilprozess muss gründlich vermittelt werden, ein einziger Fehler kann alles zerstören. Die Substanzen, mit denen gearbeitet wird, sind Tusche, Fettfarbe, Gummi arabicum, Salpetersäure, Terpentinersatz. Und natürlich Kalkstein. Adem Dërmaku ist offen für Experimente; Zeichnungen von Landschaften, Fotos, Objekte, es findet sich immer eine Lösung für das «alchemistische Wunder» der Lithografie. Für seine Kursteilnehmenden ist er eine dreifache Hilfe und Bereicherung: Als Künstler kann er inspirieren, als Lehrer sorgsam anleiten und als technischer Berater bei der Umsetzung helfen, wie es in der Schweiz nur noch sehr wenige können.

Im Pullover mit der leuchtend braunen Farbe einer fruchtbaren Erde strahlt Adem Dermaku Ruhe aus. Seine künstlerische Aktivität, die Beschäftigung mit der Migration und seiner Kindheit scheinen ihn zu einem ausgeglichenen Menschen gemacht zu haben. «Manchmal bin ich in Kosovo ein Ausländer, manchmal hier», sagt er lächelnd. Er wirkt bescheiden, er wählt seine Worte bedächtig, er weiss: Ein einziger Fehler kann vieles zerstören. Adem Dërmaku sorgt mit Aufmerksamkeit und Erfahrung dafür, dass auch im Zwischenmenschlichen die Chemie stimmt.

Text: Herbert Kähli
Foto: Barbara Keller
Adem Dërkmaku auf Instagram

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